Rakugo – 落語

Rakugo ist die traditionelle Kunst des japanischen Geschichtenerzählens. Die Erzählungen handeln von Liebe, Alkohol, Bohnenessen, kurz von allen möglichen Alltagsbegebenheiten. Der Erzähler schlüpft dabei in die Rolle verschiedener Personen, mal spielt er einen Samurai, mal einen listigen Bauern. Rakugo weist eine 250jährige Tradition auf und erfreut sich unter den Japanern großer Beliebtheit. Es gibt etwa 300 Geschichten. Im Raum Tôkyô und Ôsaka sind ungefähr 650 Rakugoka (so nennt man diese Erzähler) aktiv. Meist sind die Geschichten heiter, sie können zwischendurch auch traurig sein, haben aber immer eine lustige Schlusspointe.

Ich hatte eine Einladung zu solch einer Rakugo-Aufführung in die Japanologie der Leipziger Universität erhalten. Voller Neugierde ging ich natürlich hin.

Rakugo

Rakugo

Deutsche, aber auch einige Japaner saßen voller Erwartung im Hörsaal der Leipziger Universität, der bis auf den letzten Platz gefüllt war. Vorwiegend Japanologiestudenten interessierten sich für diese spezielle Vorführung.
Der Erzähler San’yūtei Ryūraku (三遊亭竜楽) ist ein Meister seines Faches, er ist ein Shin’uchi, das heißt, er trägt den höchsten Rang.
Der Künstler betrat die Bühne, verbeugte sich und kniete sich auf das Zabuton (japanisches Sitzkissen). Ein Übersetzer stand neben ihm.
Das Lachen war dem Meister regelrecht ins Gesicht geschnitzt. Und wenn er wirklich lachte, lachte man unwillkürlich mit. Er trug einen Kimono mit einem dazugehörigen Haori. Diese Kimonojacke zog er aus und zeigte uns, dass sie mit seinem Familienwappen verziert ist. Kunstvoll legte er sie in der Luft zusammen und hinter sich.
Er sagte: „Manchmal werde ich gefragt, wieso ich diese überhaupt anziehe, wenn ich sie vor meiner Vorführung gleich wieder ablege. Es ist ein Akt der Höflichkeit meinem Publikum gegenüber, das Haori bei der Begrüßung zu tragen.“
Er erklärte uns seine Requisiten, die sich immer auf einen Fächer und ein Tenugui-Tuch beschränken. Er führte uns vor, wie sich der Fächer als Essstäbchen, als Brief, Pfeife oder gar als Schwert verwenden lässt. Das Tuch dient als Schweißtuch, Tabakbeutel, Geldbörse, u. Ä. Er spielte Gesten, die andeuten, wie eine Schiebetür aufgeschoben wird. Bestimmte Bewegungen auf dem Zabuton deuten das Laufen an.
Die Vorführung fand entweder in japanischer Sprache statt (natürlich mit vorherigen deutschen Erklärungen), oder der Meister sprach gar deutsch.
Während der gesamten Aufführung blieb San’yūtei Ryūraku sitzen. Er benutzte seine Sprache, verstärkt durch Gestik und Mimik, um die Vielfalt der menschlichen Charaktere darzustellen. Mit seinem schauspielerischen Talent brachte er das vorwiegend junge Publikum immer wieder zum Lachen.
Hier folgt ein Ausschnitt aus der vorjährigen Aufführung:
 
http://www.youtube.com/watch?v=RUU088s-XKM
 
Anschließend durften Fragen gestellt werden, was sehr rege genutzt wurde.
Einige seiner Antworten:
Es gibt zwei Strömungen im Rakugo, entweder mit Musik (Ôsaka-Rakugo) oder ohne Musik (Tôkyô-Rakugo). Letzteres ist schwieriger für den Erzähler, da er mit seiner Stimme die Musikinstrumente, wie zum Beispiel Trommel, Shamisen, Flöte, imitieren muss. Einige praktische Beispiele des Meisters klangen sehr interessant.
Die Aufführungen finden in Japan in Theatern, Tempeln, aber auch in Restaurants statt. In Tôkyô gibt es mehrere Theater, die täglich zwei Aufführungen mit jeweils vier Stunden Dauer anbieten und das 365 Tage im Jahr.
Es treten pro Aufführung etwa zehn Erzähler auf, und kein Thema (zum Beispiel Essen, Trinken, usw.) darf wiederholt werden. Daher hat es der letzte Künstler besonders schwer und ist immer ein Shin’uchi.
Die Texte sind überliefert und werden manchmal in abgewandelter Form wiedergegeben. Erfahrungsgemäß haben sich die traditionellen Texte bewährt und man kommt immer wieder auf sie zurück. Es gib wenige Neukreationen.
Meine Frage lautete: „Gibt es heutzutage weibliche Rakugoka in Japan?
Seine Antwort: „Es gibt weibliche Rakugoka, aber wenige. Es ist nicht unproblematisch. Die Texte sind traditionell aus der Sicht des Mannes geschrieben. Die Darstellerin muss die Gefühle eines Mannes zum Ausdruck bringen können.“ Verschmitzt fügt er hinzu: „Bei erotischen Erzählungen müsste sie die Empfindungen des Mannes darstellen, und das wäre wohl dann so erotisch, wie das Stück ursprünglich nicht gemeint sei.“ Alles lachte. Leider war damit die Vorstellung beendet. Sie hat in mir einen mit Sicherheit bleibenden Eindruck hinterlassen. 
 
Wer noch mehr über das Leben in Japan erfahren möchte, kann sich auf meiner Seite in Facebook informieren.
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