Flash

Ich habe zwei Wochen lang Abschied von Berlin genommen, von meinen Freunden und den Plätzen, die mir lieb geworden sind. Ich mag sie, meine Freunde und diese Stadt. Doch am vorletzten Tag passierte, was mir noch nie in Berlin passiert ist.

Ich war mit meinem Auto auf dem Weg zu den Gärten der Welt, in denen ich so oft Ruhe und Entspannung nach der Arbeit gefunden hatte. Ich bin die Strecke schon so oft gefahren, und trotzdem ist es geschehen. Alles ereignete sich gleichzeitig: Plötzlich blitzte es, ich nahm am linken Straßenrand ein transportables Blitzgerät war und auf der rechten Seite einen Polizisten mit einer Kelle. Ich sollte rechts abbiegen. Ein Polizist kam auf mich zu, hinter ihm stand ein großer Polizeiwagen. Während ich den Motor abstellte, fluchte ich leise vor mich hin. Ich stieg aus.

„Sie sind zu schnell gefahren.“

„Wieso?“

„Sie sind in der Dreißigerzone 53 Km/h gefahren.“

„Ach, ich hätte hier 30 km/h fahren sollen? Ich habe das Schild gar nicht gesehen.“ Obwohl ich die Strecke kenne, hatte ich tatsächlich noch nie ein Begrenzungsschild gesehen. Die übersehe ich leider oft. Das muss wohl am Alter liegen. „Hmm, kann ich mit ihnen diskutieren?“, rutschte es mir heraus.

Überraschenderweise erwiderte er: “Ja, das können Sie gern versuchen.“ Fügte jedoch schnell hinzu: „Sie werden aber kein Erfolg haben.“

Trotzdem nahm ich das Angebot an und versuchte es: „Schauen sie mal auf mein Nummernschild“,  und wies mit betonter Geste auf das große L. Es wies mich als Leipzigerin aus.

„Ja, ich höre es am Dialekt“, war seine schlichte Antwort.

„ Ich kenne mich hier nicht aus“, log ich.

„Sie sind wohl zu Besuch in Berlin und wollen das Begrüßungsgeld abfassen?“ Er lachte. Na also, immerhin hat der Mann Humor. Vielleicht kriege ich ihn doch noch rum.

„ Nein, so arm bin ich nicht mehr. Die Wende ist lange vorbei.“ Ich zwinkerte ihm aufmunternd zu.

„Naja, dann ist es auch kein Problem das Bußgeld wegen Geschwindigkeitsüberschreitung zu bezahlen.“ Dieser Mann ließ sich einfach nicht erweichen.

„So jetzt geben Sie mir bitte ihre Fahrzeugpapiere und den Personalausweis.“

Ich wühlte in meiner Tasche, bis ich das Gewünschte fand. Ich übergab ihm meinen Personalausweis mit der Bemerkung: „Der ist ganz neu.“ Und in der Tat war dieser Ausweis gerade mal vier Wochen alt und mit allen modernen Erkennungsmerkmalen ausgestattet.

„Ja, ich sehe, das ist sehr vorbildlich.“

„Ich bin eben eine gute Staatsbürgerin.“

„Wir blitzen, weil hier eine Schule ist.“

„Ach, eine Schule?“, erwiderte ich kleinlaut. „Dann ist es ja wirklich keine Abzocke.“

„Nein, wir in Berlin zocken nie ab. In Leipzig soll das ja ganz schlimm sein.“

War das ein Angriff auf meine Heimatstadt (so nach dem alten historischen Schema Preußen gegen Sachsen)? Ich ließ die Frage lieber in meinem Gehirn stecken und schwieg. Hinter mir warteten bereits drei weitere Opfer, die offensichtlich zu schnell gefahren sind.

„Sie werden demnächst Post vom Berliner Polizeipräsidium bekommen.“ Freundlich verabschiedete er sich von mir.

Ich erholte mich in den Gärten der Welt und meinem Geschwindigkeitsdelikt.

Buch schreiben   oder auch hier: Bookrix

Advertisements
Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: