Es gibt sie noch, die netten Menschen

Ich verbringe meine letzten Tage in Berlin, nehme Abschied von dieser Stadt und den mir lieb gewordenen Menschen. Das ist notwendigerweise mit der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel verbunden, da sich die Treffpunkte an den verschiedenen Orten dieser Metropole befinden. Trotzdem lohnt es nicht mehr, eine Monatskarte zu lösen. Daher stehe ich nun wieder vor den Fahrkartenautomaten an den Bahnsteigen, um Einzelfahrscheine zu kaufen.
Gestern war es wieder soweit. Ich betrat den Bahnsteig und wendete mich einem Automaten zu, der unglücklicherweise von einer Dame blockiert war. Ihre Finger berührten hektisch verschiedene Stellen des Touchscreens. Sie wusste offensichtlich nicht so recht, was sie machen sollte. Mit freundlicher Stimme bat sie mich um Hilfe, wobei ihr Dialekt sie eindeutig als Berlinerin identifizierte. Natürlich erklärte ich ihr, dass sie die Kombination AB benutzen muss, um in die Innenstadt zu kommen und half ihr, mit dem Automaten zurecht zu kommen. Sie bedankte sich. Ihr war die Situation peinlich, offensichtlich bemerkte sie, dass ich keine Berlinerin bin.
Als ich mein Geld durch den Automatenschlitz stecken wollte, hörte ich ihre Stimme. Sie verwies einen jungen Mann an mich. Er kam zu mir und drückte einen benutzten Fahrschein in meine Hand, wobei er sagte: „Den können Sie noch eine Stunde benutzen.“
Schon war er weg. Ich war überrascht und konnte mich kaum bedanken. Fahrscheine sind in Berlin zwei Stunden gültig. Natürlich schaute ich mir den Entwerteraufdruck genau an. Alles stimmte, was er gesagt hatte. Er handelte nicht nach dem üblichen Schema: Ich habe meine Fahrkarte bezahlt, bezahle du deine auch. Somit habe ich 2,40 Euro gespart.
Was seine Beweggründe waren, sei mal dahingestellt. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind teuer genug, und die Leistung, die einem dafür geboten wird, recht fragwürdig. Die Berliner S-Bahn mit ihren technischen Ausfällen ist ein leidiges Dauerthema in Berlin. Die Menschen haben zu Recht etwas, worauf sie schimpfen können und die Medien ihre Lückenfüller, wenn sonst nicht viel los ist.
Ich werde meine restliche Zeit in Berlin ebenfalls damit zubringen, meine verwendeten, aber noch gültigen Fahrscheine an andere zu verteilen. Es wird mir gut tun, mich in diese Front einzureihen. Ich räche mich. Ja, ich räche mich dafür, viele unendliche Minuten auf kalten Bahnsteigen bei Wind, Regen und Schneefall zugebracht zu haben, wartend auf S-Bahnen, die entweder verspätet oder überhaupt nicht kamen.
 
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