Unkraut, Beikraut oder Ackerbegleitflora?

Mein Nachbar, der Busfahrer, hat mich schon im Nachthemd gesehen. Eigentlich ist er nicht direkt unser Nachbar, er wohnt im nächsten Haus. Wenn ich nicht schlafen kann, stehe ich nachts auf dem Balkon und stiere in die Dunkelheit. Es ist nie was los. Nur einmal erschrak ich, als vom Balkon des Nachbarhauses ein leuchtender Punkt durch die Dunkelheit stach. Langsam erkannten meine Augen die Situation. Unser Nachbar hatte seinen Schichtdienst beendet, saß auf der Stufe seines Balkons und qualmte seine Entspannungszigarette. Ich möchte gar nicht wissen, wie lange er bereits mein schönes Nachthemd bewundert hat. Ja, so lernt man sich immer intimer kennen und diskutiert schon mal von Balkon zu Balkon, natürlich tagsüber – man will ja nicht stören. Bis gestern kommunizierten wir über friedliche Themen, wie z.B. das Wetter. Doch das nahm ein abruptes Ende.

Gestern saß er mit seiner Zigarette auf dem Balkon und teilte mir mit zufriedener Stimme mit: „Ich habe heute im Garten den Rasen gemäht, der sieht jetzt wieder schmuck aus. Meine bessere Ehehälfte wird sich freuen. “  

Ich antwortete prompt: „Der schöne Rasen. Warum muss man nur immer den Rasen mähen? Jetzt sieht er bestimmt amputiert aus.“

Verstört sah mich mein Nachbar an: „Nein, ordentlicher sieht er aus.“

Kampfeslustig erwiderte ich: „Ich verstehe auch nicht, wieso unser Hausmeister, sogar bei größter Hitze, das Gras vor unseren Balkons mäht. Manchmal verreckt dann die ganze Rasenfläche. Und wenn der geschundene Rasen überlebt, sind die schönen Gänseblümchen, auch die anderen Blumen geköpft. Die bunte Vielfalt ist dahin. Finden Sie nicht auch, dass langes, natürlich gewachsenes Gras viel schöner aussieht?“ Ich war selbst erstaunt über meinen wohl etwas aggressiven Angriff.

Der Busfahrer drückte hektisch seine Zigarette aus: „Das, was Sie als Blumen bezeichnen, ist schlicht gesprochen Unkraut. Durch das Schneiden des Grases, breiten sich seine Wurzeln aus und werden stärker. Dadurch hat das Unkraut weniger Platz, sich zu entfalten.“

„Das ist Vergewaltigung der Natur“, entfuhr es mir prompt. „Und überhaupt, wer definiert, welches Gewächs Unkraut ist oder nicht? Schon die Bezeichnung Unkraut ist diskriminierend.“ Nebenan wurde ein Fenster zugeschlagen.

„Na, das sieht man doch. Unkraut ist alles, was ungeplant auf Rasen und Feld wächst und den richtigen Pflanzen Nährstoffe und Wasser wegnimmt“, er stand auf und kratzte sich verlegen am Kopf.

„Betreiben wir jetzt auch Rassismus unter den Pflanzen?“ Ich sollte etwas sachlicher sein. Doch bin ich nicht kleinzukriegen. Schließlich gilt: ‚Unkraut vergeht nicht‘.

Der Busfahrer stand auf und hatte so ein ‚Der-ist-doch-nicht-zu-helfen-Lächeln‘ auf dem Gesicht. Trotzdem verabschiedete er sich freundlich: „Tschüss, ich muss jetzt Schluss machen. Einen schönen Tag noch.“ Und schon war er verschwunden.  

Ich rief ihm noch nach: „Alle Lebewesen, auch ihr sogenanntes Unkraut, haben eine Daseinsberechtigung!“

Ratlos ließ er mich mit meinen unkrautigen Gedanken auf dem Balkon zurück. Ein Rasenmäher dröhnte in der Ferne und verrichtete sein mörderisches Werk. Bin ich denn die einzige auf unserem Planeten, die diese Meinung vertritt?

Buch schreiben   oder auch hier: Bookrix

 

Advertisements
Hinterlasse einen Kommentar

5 Kommentare

  1. Anonymous

     /  14.08.2012

    Vielleicht solltest du einen Verein gründen, der sich für eine Gänseblümchen-Quote und Löwenzahn-Zuschüsse einsetzt? Nur ob der Busfahrer da mitmacht, wage ich zu bezweifeln…

    Antwort
  2. Barbara

     /  29.01.2013

    Bei mir ist das eine Frage der Definition: Auf der Wiese dürfen die Gänseblümchen wachsen, auf dem Rasen nicht. Weil der bei mir Teil eines Farbarrangements ist und eben nur grün sein soll. Wenn Du mich besuchst, kannst Du Dir’s anschauen.

    Antwort
    • Ja, also, wenn es eine Sache der Farbe ist, ist es vielleicht auch etwas anderes. Außerdem bin ich bei dir nicht so streng 🙂

      Antwort
  3. Juli

     /  05.02.2013

    Ich kann Dich voll und ganz verstehen. Mein Mann liebt das Rasenmaehen ueber alles, ganz kurz und haesslich muss er sein – dann ist er zufrieden.Da gibt es jeden Sommer Diskussionen. Aber wir haben eine Loesung gefunden.Vorm Haus kann er machen, was er will, hinterm Haus ist mein Revier – und da bleibt das Gras lang.

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: